Über das Phänomen, weshalb wir die Craft-Beer-Events nicht vermissen

Die Corona-Krise hat so einiges verändert. Auch in der Craft-Beer-Szene. Nicht nur Klein- und Kleinstbrauereien waren davon betroffen, auch die eine oder andere grössere Brauerei hatte zu kämpfen. Allerdings bekamen wir als Kunden das praktisch gar nicht mit. Gut, das eine oder andere Bier war mal nicht lieferbar, aber die Auswahl war immer noch gross genug, um eine gute Alternative zu finden. Nein, uns nervten andere Dinge deutlich mehr. Dass wir unsere sozialen Kontakte einschränken mussten, ging uns wohl am meisten an die Nieren. Kein gemütliches Zusammensein mehr. Kein gemeinsames Biertrinken im Pub oder in der Bierbar, keine Degustationen mehr. Aber auch viele Einschränkungen, die nichts mit Bier zu tun hatten, nervten uns und nerven uns noch immer.

Das haben wir während dem Lockdown am meisten vermisst

Am 16. März wurde der sogenannte Lockdown verhängt. Praktisch alle Läden und Lokale blieben geschlossen und Veranstaltungen jeglicher Art wurden abgesagt. Schon nach zwei, drei Wochen vermissten fast alle, viele liebgewonnenen Dinge und Rituale. Hier mal eine kleine Liste von dem, was die Menschen, einerseits unsere Stammkunden, andererseits Kumpels und Bekannte, mir erzählten, was ihnen besonders fehlte.

  • Musikfestivals (Open Airs)
  • Konzerte generell
  • Partys / Clubbesuche
  • Shopping
  • Kino
  • Cafés / Bars / Restaurants
  • Fitness-Studio / Sport

Wie sehr wurden Craft-Beer-Festivals vermisst?

Natürlich war da noch einiges mehr dabei. Sehr viel Privates, wie die Eltern oder Grosseltern im Heim nicht mehr besuchen zu können oder ähnliches. Was aber kein einziger Mensch vermisst hat, beziehungsweise, es mir nicht gesagt hat: Craft-Beer-Festivals. Und doch, da waren wirklich ziemlich viele Biernerds dabei. Sowohl bei meinen Stammkunden als auch in meinem privaten Umfeld, von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ganz zu schweigen. Warum könnte das so sein?

Wenn jedes Dorf ein Craft-Bier-Festival hat, wird es langweilig

Ganz ehrlich, ich habe das Gefühl, dass auch dies mit denselben Faktoren zusammenhängt, die ich schon in meinen letzten beiden Artikeln „Der IPA-Overkill“ und „Warten auf den nächsten Craft-Beer-Hype“ eingebaut habe. Wahnsinnig viel bewegt sich momentan einfach nicht in der Szene. Dazu kommt auch hier langsam, aber sicher ein Überangebot. Gefühlt gibt es bereits in jeder zweiten Gemeinde so einen ähnlichen Event. Zumindest gibt es statistisch gesehen in jeder zweiten Gemeinde der Schweiz eine Brauerei. Dass das zu viel ist, da sind sich so ziemlich alle einig, aber dass es unterdessen auch zu viele Bier-Events sind, ist bislang nicht gross aufgefallen, oder stört zumindest nicht.

Das erste Anzeichen einer Ermüdungserscheinung

Man muss sie ja schliesslich nicht zwingend besuchen. Das stimmt natürlich, trotzdem hat der Trend unschöne Nebenwirkungen. Ähnlich wie bei den Brauereien, trifft es auch hier gerne mal die Falschen. So hat schon das erste Bierfestival, derer, die es schon lange vor dem ganzen Craft-Beer-Hype gab, aufgegeben. Natürlich hätten auch sie Eintritt nehmen und grosse internationale Brauereien einladen können, anstatt nur kleine lokale (was ich persönlich übrigens mindestens so interessant, wenn nicht noch interessanter finde) aber das wollten sie nicht. Sie wollten sich nicht untreu werden. Neue Craft-Beer-Festivals schiessen wie Pilze aus dem Boden und es werden immer mehr und sie werden immer grösser. Für manche muss man die Eintrittsbillete schon bei einem bekannten Ticketanbieter kaufen, um da rein zu dürfen, um Biere zu kaufen. Naja, den Leuten gefällt es. Noch. Aber ewig wird auch das nicht so weitergehen. Ein erstes Anzeichen dafür ist eben, dass diese Festivals während dem Lockdown überhaupt nicht vermisst wurden.

Der Trend geht hin zu «Altbewährtem»

Einer der Trends, bezüglich Bier, den ich im Laden feststelle, ist der hin zu lokalen Bieren, zu Schweizer Bieren also, und zwar von Kleinbrauereien. Wie gesagt, die Auswahl hierfür ist riesig, haben wir doch die höchste Pro-Kopf-Dichte an Brauereien weltweit. Aber erstens, sind die Leute, die sich dafür interessieren keinesfalls nur Biernerds, die speziell aussergewöhnliche Biere suchen, sondern kommen immer mehr aus der breiten Bevölkerungsschicht derer, die gerne Lager oder Amber trinkt oder auch mal ein IPA und zweitens besinnen sich auch die Biernerds langsam wieder auf einfache, solide Biere.

Bierfeste bedürfen einer Anpassung

Ich denke mal, dass die Bierfest-Veranstalter diese Trends ebenfalls erkennen und dementsprechend ihr Auftreten und ihr Angebot in Zukunft etwas anpassen werden, ansonsten könnte es gut passieren, dass bald auch von den Neuen nicht alle überleben werden.

So, der Text neigt sich dem Ende zu. Nochmals ein kurzer Blick auf den Titel, ob es allenfalls einen Kreis zu schliessen gilt. „Über das Phänomen…“ Hmmm, da habe ich wohl ein bisschen hochgestapelt. Ein Phänomen ist es wohl nicht, eher eine ganz normale Entwicklung. Und wenn das jetzt auch alles etwas negativ geklungen hat, so ist es das gar nicht, im Gegenteil. Ich bin gespannt, wie diese ganzen Entwicklungen weitergehen. Es ist wirklich eine interessante Szene, die mir durchaus immer noch gefällt.

Prost!

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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