Ich breche eine Lanze für das Lager-Bier

Diesen Beitrag möchte ich für einmal ganz förmlich beginnen. Und zwar mit einem Danke, dass Du ihn überhaupt liest, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass die meisten ihn mit einem «Lager-Bier? Ohne mich!» überspringen werden. Denn ein Grossteil der Craft-Bier Fangemeinde setzt auf Biervielfalt und ist überzeugt, dass andere Biere sehr viel interessanter schmecken, als das Lager-Bier. Kurz, sie finden Lager langweilig und strafen es, meiner Meinung nach zu Unrecht, mit Verachtung. Dabei muss ich zugeben, dass auch ich eher selten ein «Helles» oder ein «Blondes» trinke. Aber deshalb gleich alle Lager-Bier in einen Topf zu werfen und sie pauschal abzustempeln, ist eigentlich schade.

Mit diesem Artikel möchte ich helfen, das Image von Lager-Bier etwas aufzupolieren, denn ich persönlich breche eine Lanze für diesen Bierstil. Wie bei jedem Bierstil gibt es auch bei Lager beachtliche Unterschiede und Lager ist definitiv nicht gleich Lager.

Leider ist es vielfach so, dass wenn jemand von Lager-Bier spricht, eher die grossen Marken wie Heineken, Feldschlösschen, Calanda und so weiter meint. Dass diese Biere für Biersommeliers und Craft-Bier-Fans eine eher «langweilige» Angelegenheit, im Vergleich mit anderen Bierstilen sind, ist verständlich. Biere von Mikrobrauereien, welche sich auf die Fahne geschrieben haben, eine Nische zu besetzen, welche die Grossen Brauereien nicht bedienen, sind da schon etwas spannender.

Aber Brauereikonzerne, wollen sie die Erwartungen der Aktionäre erfüllen, müssen ein möglichst breites Publikum und nicht nur die Craft-Bier-Fans ansprechen. Deshalb müssen ihre Brauerzeugnisse möglichst vielen Leuten schmecken. Deshalb sind sie leicht und süffig, haben einen schlanken Körper, sind weder zu hopfig noch zu malzig. Und wenn sie auch nicht zu meinen persönlichen Favoriten gehören, würde ich nie behaupten, dass diese Biere nicht gut sind. Denn wie heisst es doch so schön – „De gustibus non est disputandum“, oder zu Deutsch «Über Geschmack lässt sich nicht streiten».

Tatsache ist jedoch, dass Lager-Bier der Bierstil ist, welcher am schwierigsten zu brauen ist. Dieser Bierstil lässt keinen Fehler zu. Was man beispielsweise in einem IPA mit dem Hopfen, oder in einem Stout mit dem Röstmalz überdecken kann, wäre bei Lager schutzlos dem Gaumen der Biergeniesser*innen ausgeliefert. Das wissen übrigens auch die Braumeister der Craftbier-Brauereien und haben deshalb grossen Respekt vor Braumeistern, welche gute Lager-Biere in die Tanks bringen. Dieser Herausforderung stellen sich auch immer mehr Craftbier-Brauer, und kreieren teils klassische, teils moderne Interpretationen von Lager-Bier. Egal ob junge wilde, wie Brewdog oder Thornbridge, Craftbier-Vorreiter wie Samuel Adams oder Sierra Nevada, oder hier in der Schweiz Bier Factory oder White Frontier:  Eine Craft-Brewery, die etwas auf sich hält, braut auch ein eigenes Lager-Bier.

Aber es lohnt sich auch, Traditionelles zu entdecken. Wer zum Beispiel in Bayern „ein Bier“ bestellt bekommt nicht wie im Rest Deutschlands ein Pils, sondern wie hierzulande ein Helles, respektive ein Lager-Bier. Und das nicht übrigens erst seit neuem, sondern bereits seit über 120 Jahren. Ein gutes Helles ist perfekt ausgewogen. Es ist einen Hauch malziger als ein Pils und wird dadurch runder, lieblicher und sein Körper wirkt etwas voller. Ein gutes Lager ist somit, dank seinem erfrischenden Charakter, sowohl ein guter Durstlöscher, als auch ein toller Essensbegleiter.

Sonnengelb bis Dunkelgold fliesst es ins Glas und es bildet sich eine feste, weisse Schaumkrone. Es duftet nach Heu, Getreide, Brot und Biskuit. Dazu gesellt sich ein Hauch von floralen Hopfennoten. Der Antrunk ist leicht süsslich, mit einer cremigen Textur und einem mittleren Körper, der sanft und aromatisch ausklingt. Der Alkoholgehalt liegt zwischen 4,5% und 5,5%. Die Feinheiten eines Lager-Bieres kommen am besten bei einer Trinktemperatur von 6° – 8° zur Geltung. Dieses Bier passt perfekt zu einer Wurst-Käse-Platte, zu einer reich belegten Pizza, zu mit Käse überbackenen Sandwich-Toasts oder – Achtung Geheimtipp: Zu Erdbeertorte.

So, und wer nun wieder mal Lust bekommen hat, ein feines Lager-Bier zu geniessen: Meine persönlichen Referenzbiere sind das «Augustiner» oder das «Tegernsee», aber wie gesagt: Geschmack bleibt Geschmackssache. Probiere Dich einfach mal ein bisschen durch. Egal wofür Du dich entscheidest – ich proste Dir zu.

Cheers!

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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