Es gibt kein schlechtes Bier

Okay, ich muss zugeben, der Satz „Es gibt kein schlechtes Bier“ erscheint auf den ersten Blick als eine äusserst gewagte These. Wenn man allerdings einmal etwas genauer darüber nachdenkt – und das will ich hier nun tun – erschliesst sich einem nach und nach sowohl der Sinn als auch die Richtigkeit darin. Die Aussage stammt von einem grossen Lieferanten für Bier. Angefangen hat er mit kleinen Bierläden in Zürich und das so ziemlich als Erster, also sogar noch einen Tick bevor Drinks oft the World 1996 in Zürich seine erste Filiale eröffnete. Dieser Mann ist also lange genug dabei, hat diverse Trends kommen und gehen gesehen, führt eine riesige Bierauswahl und veranstaltet gelegentlich auch mal Bier-Degustationen für seine Kunden.

Eigentlich kann ein Bier gar nicht schlecht sein

Leider kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, worum es in unserem Gespräch genau ging und wie ich darauf kam, aber ich erzählte ihm, dass wir am Kurs zum Diplombiersommelier gelernt haben, dass man nicht negativ über ein Bier sprechen soll. Vorausgesetzt natürlich, dass es keinen offensichtlichen Bierfehler hat. Denn natürlich ist Bier, wie so vieles andere auch, Geschmacksache. Man sollte sich immer etwas vor Augen führen: Der Brauer hat sich bestimmt etwas überlegt, als er das Bier braute. Er wollte, dass es so schmeckt, wie es schmeckt. Und wenn man selbst das Bier nicht mag, so wird es doch dem Braumeister wohl gemundet haben. Und klar gibt es auch Bier, welches möglichst günstig in der Herstellung sein und gleichzeitig einer breiten Masse schmecken soll. Solche Biere werden von Biersommeliers meistens geringgeschätzt, weil sie doch immer etwas sehr schlank daherkommen und Bier-Nerds generell eher die vollmundigeren Sachen bevorzugen; da nehme ich mich nicht aus. Trotzdem erhebt die Brauerei auch hier den Anspruch, ein günstiges Bier zu brauen, das möglichst vielen Leuten schmeckt. Und das scheinen solche Biere ja zu erfüllen, denn sonst wären sie ja nicht mehr auf dem Markt. Und wenn das Bier einer breiten Masse schmeckt, dann kann es ja nicht schlecht sein. Es sei denn, die breite Masse hat einen schlechten Geschmack. Allerdings ist das ja völlig subjektiv, und die “breite Masse”, sprich die Mehrheit, kann ja per se keinen schlechten Geschmack haben. Aber ich schweife ab.

Nicht “grussig”, sondern Geschmackssache

Okay, das habe ich natürlich nicht alles unserem Lieferanten erzählt. Ich sagte ihm, dass man nicht schlecht über ein Bier reden soll und er meinte daraufhin eben, dass er sogar noch einen Schritt weiter gehen würde und sagen, dass es gar kein schlechtes Bier gebe. Das erschien mir jedenfalls schlüssig und logisch, da ich mir zum einen die oben erwähnten Gedanken dazu machte, und mir zum anderen natürlich klar war, dass man gut und schlecht gar nicht objektiv beurteilen kann, da jeder Mensch einen anderen Geschmack hat. Schon als ich noch ein Kind war, hat uns unsere Mutter immer verboten zu sagen, dass etwas „gruusig“ sei. Wir könnten zwar sagen, dass es uns persönlich nicht schmecke, aber es gäbe nichts, dass wirklich schlecht wäre.

Feedback ja, aber mit Respekt

Nun hatten natürlich nicht alle das Glück, von ihrer Mutter so kompetent über Geschmacksfragen aufgeklärt worden zu sein und haben deshalb das Bedürfnis, zum Beispiel überall im Internet wo es um ein Bier geht, das sie nicht mögen mit „Huere gruusigs Bier!“, „Pfütze!“, „Scheiss-Plörre“ oder ähnlichem zu kommentieren. Wenn ich so etwas sehe, nehme ich die in Gedanken immer am Ohr und möchte am liebsten schreiben: „So, Bürschchen, jetzt löschst du das mal schön wieder, überlegst dir nochmals in Ruhe, was du eigentlich sagen wolltest und formulierst das Ganze dann nochmal anständig.“ Aber in Wahrheit schreibe ich dann so etwas wie: „naja, das kann man ja nicht so pauschalisieren. Vielleicht magst DU es ja nicht, aber es gibt bestimmt viele Leute, die es mögen, sonst würde es sich ja nicht so gut verkaufen.“ Das sehen die Autoren dann überraschenderweise meistens ein und stimmen mir dann sogar zu.

Negative Kommentare können inspirieren

Und genau so ein Fall war es, der mich zu diesem Post veranlasst hat. Ich habe das Thema zwar schon in anderen Artikeln, wie „Ich breche eine Lanze für das Lagerbier“ oder „Ich breche eine Lanze für das Lagerbier“ gestreift, aber man kann es wirklich nicht deutlich genug erwähnen. Auf Instagram von Drinks of the World hat nämlich neulich jemand ein Bild mit Feldschlösschen-Dosen nur mit Kotz-Smileys kommentiert. Ich war daraufhin so freundlich, ihn darauf hinzuweisen, dass ich mir gut vorstellen könne, dass er dieses Bier nicht möge, ich es aber nicht unbedingt für angebracht halte, ein Bier mit Kotzsmileys zu kommentieren, woraufhin er sein Feedback kommentarlos wieder löschte.

Ich bin jedenfalls froh. Nicht darüber, dass der Kommentar wieder gelöscht wurde, der hätte da ruhig noch stehen, oder betreffende Person nochmal antworten können. Nein, ich bin froh, dass er das gepostet und mich damit zu einem neuen Blogeintrag inspiriert hat.

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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