Die Unendlichkeit der Biervielfalt

„Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit“ soll Albert Einstein einmal gesagt haben. Das hat zwar etwas für sich, aber bis zum heutigen Zeitpunkt ist mindestens noch eine dritte Unendlichkeit hinzugekommen. Die Unendlichkeit der Biervielfalt nämlich.

Craft war ursprünglich die Alternative zu Lager

Zu Beginn der ganzen Craft Beer-Bewegung ging es darum, etwas anderes zu brauen, als das, was die grossen industriellen Brauereien machten. In den USA, wo das Ganze aufgekommen ist, hiess das, eine Alternative zu Lagerbier brauen. Man besann sich auf alte Bierstile und braute Pale Ales und IPAs aber auch deutsche Stile, wie Pilsener, waren plötzlich wieder aktuell. Man schaute auf die Belgier, welche eine langjährige traditionelle Bierkultur pflegen und begann spontanvergorene Biere zu brauen und Fruchtbiere. Mit der Zeit wurde man kreativer und interpretierte die alten Bierstile etwas moderner. Dann wurde man noch etwas kreativer und begann Bierstile zu mixen. Man merkte, dass Früchte und saures Bier super harmonieren, man machte Black IPAs, White IPAs, Sour IPAs und so weiter und so fort. Ich fahre später hier weiter, muss jetzt aber kurz etwas einschieben:

Sauerbier. Auch das gibt’s.

Letztens hörte ich einen Podcast des deutschen Star-Entertainers Joko Winterscheidt und dem in den USA lebenden deutschen Fotografen Paul Ripke. Dieser erzählte, wie er letztens mit einem Kumpel an einem Brew-Pub vorbeikam (was er überhaupt nicht kannte. In den USA haben praktisch alle Craftbreweries eine eigene Bar, in der man das frisch gebraute Bier vor Ort degustieren kann. Natürlich gibt es das auch in Deutschland und ebenso in der Schweiz, aber man muss halt ein wenig suchen.) Auf jeden Fall hatten die dort, Coronavirus bedingt, ein Take Away-Fenster, an dem man sich frisch gezapftes Bier von über zehn Zapfhähnen abfüllen lassen konnte. (kannte er auch noch nicht) So und jetzt kommts: Der Typ hinter dem Tresen habe den beiden, weil es so heiss war, ein saures Bier empfohlen. Paul Ripke flippte fast aus, als er es seinem Podcast-Partner Joko erzählte. „Joko, saures Bier! Hattest du so was schon mal? Das war unglaublich lecker. Wirklich. Und so erfrischend!“ Joko: Saures Bier? Also wirklich sauer? Ne, wusste nicht mal, dass es sowas gibt. Wie machen die das denn?“ Paul: „Also wie die das machen weiss ich auch nicht, aber die brauen ja nicht nach dem Reinheitsgebot, ne, die schmeissen dort ja alles rein. Aber wirklich, das war saulecker. Wirklich.“ (Ich merke gerade, dass das Thema „Überbewertetes Reinheitsgebot unbedingt einen eigenen Blogeintrag bekommen sollte).

Unendliche Biervielfalt

So fertig Intermezzo. Ich wollte damit nur zeigen, dass es wahrscheinlich unendlich viele Menschen gibt, die nicht wissen, was es ausserhalb von Lager, Pils und Weizen so alles für Biere gibt. Fahren wir weiter mit unserer Aufzählung. Ich zähle jetzt nicht alle Früchte einzeln auf, es gibt praktisch keine Frucht, die nicht in ein Bier gegeben werden kann. Es gibt natürlich Honigbier, genauso wie Schokoladenbier. Aber es muss ja nicht immer süss sein. Es gibt Biere mit den verschiedensten Kräutern drin. Brennesselbier zum Beispiel. Ich war einmal an einer Biermesse, da bot eine Brauerei ein Basilikumbier an und nur zwei Stände weiter kam eine mit einem Tomatenbier. Die beiden hätte man sicher super blenden können. Ja auch Gemüse wird oft verwendet. Die Kürbisbiere im Herbst kennt man ja, aber letztens hatte ich sogar mal ein Süsskartoffelbier und Randenbiere hatte ich sogar schon zwei. Man sieht, der Fantasie sind beim Brauen keine Grenzen gesetzt. Und auch sonst werden die Brauer immer kreativer. Von dem Wettkampf um das stärkste Bier der Welt habe ich ja hier schon berichtet. Mikkeller wollte mal das bitterste Bier der Welt brauen. Sie nannten es „1000 IBU“. IBUs sind die International Bitterness Units mit denen die Bittere eines Bieres gemessen wird. Wahrnehmen lassen sich auf der Zunge maximal ca. 100 Bittereinheiten. Alles was darüber liegt wird einfach als sehr bitter empfunden, ob 110 oder 220 Einheiten macht also gar keinen Unterschied. Aber egal, Hauptsache, man hat das bitterste Bier der Welt. Aber hey- ich hatte es und es war verdammt lecker!

Wilde Hefen – egal woher

Aber es geht noch absurder. Bei der Hefe zum Beispiel. Die amerikanische Brauerei „Rogue“ war schon immer kreativ. Den Vogel abgeschossen haben sie aber 2013 mit ihrem „Beard Beer“. Es wurde aus einer Hefe gebraut, die aus dem Bart des Braumeisters gezüchtet wurde. Das klingt jetzt zwar etwas eklig, ist aber schlicht ein mit Wildhefe vergorenes Bier. Also alles halb so wild. 😉

Noch grenzwertiger waren die marketingaffinen Polen von „The Order of Yoni“ Die brachten 2016 ihre ersten Biere auf den Markt, deren Hefen aus der Intimflora tschechischer Models gezüchtet wurde. Auch das ist natürlich halb so wild, wie es sich anhört. Da befinden sich halt ganz natürlicherweise Milchsäurebakterien. Die Hefe ist übrigens ein Einzeller, der der Pilzfamilie angehört und sich deshalb aus so ziemlich jedem organischen Material kultivieren lässt. Also genaugenommen handelt es sich auch hier um nichts anderes, als ein spontanvergorenes Bier.

Ich weiss ja nicht, wie es dir geht, aber ich habe mir davon jedenfalls überhaupt nicht den Appetit versauen lassen. Im Gegenteil: Ich hole mir jetzt mal ein feines Lambic aus dem Keller.

Ein Hoch auf die unendliche Biervielfalt!

Prost.

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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