Der IPA-Overkill

Moment bitte, der WAS?? Im letzten Artikel noch „Ein Hoch auf das IPA“ und jetzt das? Was ist denn hier los?

Ja, ich muss zugeben, ich kann die Konfusion verstehen aber des Rätsels Lösung ist relativ simpel. Im letzten Artikel war kein Wort gelogen, ich finde nach wie vor, dass das IPA ein grossartiges Bier ist und ich trinke es auch immer wieder mal gerne zwischendurch. Nur halt eben wirklich nur noch zwischendurch. Ich „habe es einfach langsam gesehen“, wie man so schön sagt.

IPA, soweit das Auge reicht

IPA hier, IPA dort, überall nur IPA. Ernsthaft, ich freue mich zwar jedes Mal, wenn ich einen Newsletter eines Online Shops oder dergleichen erhalte, wenn ich ihn dann aber öffne und die Bier-Beschreibungen lese, dann ist es mit meiner Freude schnell vorbei. Da liest man dann nur noch IPA, Double IPA, dry hopped IPA, Double dry hopped IPA (wirklich, ich denke mir das jetzt nicht gerade aus) New England IPA, dry hopped New England IPA, East Coast IPA, West Coast IPA, double dry hopped… ich glaube es ist klar, was ich meine. Hinzu kommen noch dann die ganzen „Pale Ales“, die heute ja immer American Pale Ales sind, und mit den ursprünglichen englischen Pale Ales fast gar nichts mehr zu tun haben. Im Blindtest sind diese von einem herkömmlichen IPA kaum mehr zu unterscheiden. Selbstverständlich ist mir völlig klar, dass es in der Natur der Sache liegt, dass die Biere innerhalb eines Stiles geschmacklich nahe bei einander liegen, aber ich finde es schon eher ironisch, wenn Bier-Nerds behaupten, dass Lagerbiere immer gleich schmecken und deshalb lieber IPAs trinken.

Ein IPA zu beschreiben ist recht einfach

Denn böse gesagt, schmecken IPAs eben auch immer gleich. Immer etwas bitter und doch etwas fruchtig. Und zwar Citrusfruchtig. Und zwar konkret Zitrone, Grapefruit, Litschi, Ananas. Ernsthaft: Sollte dir dein Bier-Nerd-Kumpel einmal ein IPA zeigen wollen und du hast nicht so die grosse Ahnung, dann sag genau das: „Hm ja, schön fruchtig. Zitrone, etwas Grapefruit, Litschi, kann das sein? Ja? Ein Hauch von Ananas.“ Du wirst ihn mit deinem „Fachwissen“ umhauen.

Wenn du noch einen draufsetzen willst, dann füge noch folgendes hinzu: „Da ist bestimmt dieser Citra Hopfen drin, was meinst du? Simcoe vielleicht noch oder Cascade? Könnte aber auch noch Chinook mit drin sein…“ Hierbei handelt es sich, du ahnst es wahrscheinlich schon, um Hopfensorten. Es gibt hunderte davon, bei den hier aufgelisteten handelt es sich um die mit Abstand gängigsten, die in IPAs zum Einsatz kommen. Leider, bzw. für dich zum Glück, ist man vom Trend, die verwendeten Hopfen- und Malzsorten auf dem Bier auszuweisen, wieder abgekommen. Also dein Kumpel kann nicht mal kontrollieren, ob es stimmt.

Das IPA ist das Lagerbier der Craftbier-Welt

So, das klingt jetzt alles ein wenig fies oder sogar etwas zynisch, was weiss ich, aber das soll es nicht. Ich streue nochmals kurz ein, dass ich nichts gegen IPAs generell habe, deren Wiederentdeckung durch die Craftbier-Brauer wichtig war. Ich muss dazu noch ergänzen, dass ich auch verstehe, dass die Brauer gerne Biere brauen, die sich gut verkaufen lassen. Das ist ja völlig legitim. Nur fände ich es nicht schlecht, wenn man sich ab und an auch mal selbst etwas kritisch hinterfragen würde. Zum Beispiel dies: Das IPA ist mit sehr grossem Abstand das beliebteste Bier unter den Craftbieren. Man könnte sogar so weit gehen und sagen, das IPA ist das Lager der Craftbiere. Wer also vor allem IPAs braut, bedient innerhalb der Craftbier-Welt den Mainstream, verglichen mit dem gesamten Biermarkt. Ein Konsumentenbedürfnis könnte man auch sagen, klar, aber im Prinzip tun sie genau das, was die „grossen“ Braukonzerne ausserhalb der Craftbier-Blase auch tun, nämlich das Kundenbedürfnis des Mainstreams befriedigen und das ist dort halt anstatt IPA das Lager.

IPAs der Grossbrauereien helfen den “Kleinen”

Allerdings verstehe ich nicht so richtig, weshalb sich einige Szenies darüber aufregen, dass die Grossen nun ebenfalls IPAs machen. Angst haben, dass sie ihnen Kunden wegnehmen brauchen sie jedenfalls bestimmt nicht. Von der Qualität reichen diese industriellen Biere nicht an ein handwerklich gebrautes IPA heran (das können sie auch nicht, denn sie wollen ja preislich im eher tiefen Segment bleiben.) Das Publikum der Grossen ist ein komplett anderes, als bei Craft Breweries. Wenn jetzt ein Otto-Normal-Biertrinker, der sonst nur Feldschlösschen konsumiert, durch das Feldschlösschen IPA auf den Geschmack kommt, wird er sich vielleicht auch mal umschauen, was es sonst noch so für IPAs gibt und auch mal eines einer kleinen Brauerei probieren.

Aber nein! Dann brauen die noch mehr IPAs. Ein Teufelskreis…

Moment. Ich habe da eine Idee. Wie wär’s, wenn ihr Kleinbrauer den Spiess einfach umdreht und anfangt richtig gute Lagerbiere zu brauen? Eine derartige Welle gab es schon einmal, allerdings ist sie relativ schnell verebbt. Den Brauereien wurde seitens der „Craftbier-Fans“ vorgeworfen, sich zu verkommerzialisieren, was natürlich Unfug war. Sie mochten gute Lager und wussten, dass es der schwierigste Bierstil ist, den man brauen kann. Für sie war es eine Challenge, die bei ihrem Publikum nicht verstanden wurde. Schade eigentlich.

Craft-Lagerbier steht weit oben auf meiner Wunschliste

Gut, ich mache das jetzt so: Ich wünsche mir jetzt einfach ganz stark, dass das Craft-Lagerbier der nächste Trend wird. Und wenn ich mir das nur lange und stark genug wünsche, dann geht das auch bestimmt in Erfüllung. Genau!

Darauf ein Lager.

Prost!

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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