Craft-Bier im Fakten-Check

Ich habe hier ja schon einiges zum Thema Craft-Bier geschrieben. Am Anfang versuchte ich den Begriff zu definieren und kam zum Schluss, dass es unmöglich ist, eine ganz klare Definition zu erstellen, was Craft Beer eigentlich ist. Das wichtigste ist, meiner ganz persönlichen Meinung nach, dass es bei Craft-Bier vor allem um Qualität und Vielfalt gehen soll. Ich verstehe, dass Leute, einfach gerne ihr Feierabendbier trinken, auch gerne immer das Gleiche, weil wenn man einmal etwas entdeckt hat, das einem schmeckt. Wieso soll man dann etwas anderes ausprobieren? Und ebenso verstehe ich, dass man, wenn man täglich sein Feldschlösschen, Hürlimann, Quöllfrisch oder was auch immer trinkt, etwas irritiert beim Thema Craft-Bier ist. Weshalb soll ich für eine kleine Flasche doppelt so viel bezahlen, wie für meine grosse Dose? Respekt habe ich vor Menschen, die aus Neugier dann doch einmal so ein Craft-Bier probieren. Sie erwischen dann vielleicht ein IPA oder ein Sauerbier und verstehen den Hype noch weniger. „Das hat aber mit Bier nicht mehr viel zu tun.“ Hört man dann. Und ich verstehe vollkommen, dass da dann einige Negativ-Klischees zusammenkommen. Heute will ich mich einmal den fünf weitverbreitetsten Craft-Bier-Klischees annehmen:

Craft Beer ist nur ein aktueller Hype, der schnell wieder verschwunden sein wird.

Nicht ganz richtig. In den USA ging das Ganze schon vor ca. 25 Jahren los. Vor etwa 15 Jahren kam das ganze nach Europa, und seit ungefähr zehn Jahren spüren wir den Trend in der Schweiz. Das Ganze wurde und wird nur langsam grösser, verändert die Bierlandschaft aber doch deutlich. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die Medien darüber berichten und der Begriff „Craft-Bier“ auch schon mal in der Werbung verwendet wird, wodurch er von der Comunity der Bier-Nerds hinaus zum breiten Publikum getragen wird. Es handelt sich also nicht um einen Hype, sondern um eine Entwicklung, die, so wie es aussieht noch lange nicht vorbei ist. Es ist deshalb sehr spannend, die weitere Entwicklung zu beobachten.

IPA, Sour Ale, Barrel aged… Klingt alles fancy, schlussendlich ist aber auch das alles nur Wasser, Malz und Hopfen.

Richtig. Allerdings ist das etwa so, wie wenn ich sagen würde: „Klassik, Hip Hop, Heavy Metal… Schlussendlich sind’s doch auch immer nur dieselben acht Töne. Insgesamt gibt es hunderte verschiedener Hefe- und Hopfensorten und auch die Malzpallette ist unfassbar gross. Die möglichen Kombinationen sind unendlich. Von den zusätzlichen Zutaten mal ganz abgesehen. Alternativgetreide, Früchte oder auch Obst, nichts ist unmöglich. Salz, Zucker, Schokolade… Es wird experimentiert, was das Zeug hält. Es lohnt sich also unbedingt, sich einmal durch die Bierstile zu testen. Der Satz „Ich mag kein Bier.“ Gilt eigentlich gar nicht, da Bier schon lange nicht mehr gleich Bier ist.

Craft-Bier ist wie Nouvelle Cuisine. Man will es mal probiert haben, merkt aber schnell, dass es eigentlich Schickimicki-Quatsch ist.

Also bitte – Dieser Vergleich hinkt doch. Es ist ja nicht so, dass die Gerichte der Nouvelle Cuisine nicht lecker wären. Der „Quatsch“, wenn man so will, ist höchstens, dass die Portionen so klein sind. 😉 Nun wird Craft-Bier aber zum Glück nicht in Shot-Grösse abgefüllt – das hielte ich dann auch für Quatsch. Zudem: Mit Abstand am weitverbreitetsten ist Craft-Bier dort, wo auch früher Bier getrunken wurde. Dass es in gewissen Teilen der „Schickimicki“-Szene angekommen ist, stört mich nicht – im Gegenteil. Diese Leute dürfen dann gerne zu uns kommen und ein paar Flaschen kaufen, nachdem sie es entdeckt haben.

Jeder Hobbybrauer meint nun Craft-Bier machen zu müssen. Die Blase wird demnächst platzen und einige Kleinbrauereien Konkurs anmelden müssen.

Ja, das ist durchaus möglich. Die Ersten hat es auch schon erwischt. Ich habe eingangs erwähnt, dass der Markt relativ langsam wächst. Neue Brauereien schiessen allerdings wie Pilze aus dem Boden. Wir haben in der Schweiz mit über 1‘000 Brauereien im Land die höchste Pro-Kopf-Dichte weltweit, während wir beim Pro-Kopf-Konsum gerade mal an 24. Stelle stehen. In Europa. Also ja über kurz oder lang wird es nicht für alle Platz haben. Neue werden kommen, alte Brauereien werden gehen. Mal schauen, was da noch alles passiert.

Craft-Bier ist viel zu teuer.

Nein. Dass Craft-Bier teurer ist, als industrielles Bier hat verschiedene Gründe. Zum einen verfügen Kleinbrauereien nicht über dieselbe Infrastruktur, wie Grosskonzerne, da steckt viel Handarbeit drin (Craft wörtlich übersetzt heisst Handwerk) des Weiteren bezahlt man als kleine Brauerei, die kleine Mengen einkauft, ganz andere Preise für die Rohstoffe, als ein Grossunternehmen. Und dann haut man für ein Pale Ale, IPA oder für alles, was nachgehopft ist, halt einfach mal ein Vielfaches an Hopfen in den Sud, als das bei einem Industrie-Lager der Fall ist. Fazit: Craft-Bier ist teurer als herkömmliches Bier, aber die Brauer machen das ganz sicher nicht, um reich zu werden. Und es ist eine gute Entwicklung, dass der Konsument ganz generell immer mehr bereit ist, für gute Qualität etwas mehr zu zahlen…

Darauf ein Craft-Bier.

Prost!

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Ralf Stamm

Ralf arbeitet seit mehr als zehn Jahren bei Drinks of the World, ist diplomierter Biersommelier, und ist mitverantwortlich für das Schulungsprogramm und die Vermittlung von Bierfachwissen an unsere Mitarbeiter. Kurz, Ralf ist einer unserer Köpfe, die aus Fachleuten Bierexperten machen.

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